Traumapädagogisches Gespräch mit Andreas (YRC)

Andreas arbeitet seit 2017 bei Just M und seit 2018 im Young Refugee Center (YRC) in der Gruppe 1. Er hat den Mitarbeiter*innen-Kurs zur Traumapädagogik absolviert und beantwortet mir (Jasmin) ein paar Fragen zur Traumapädagogik im YRC.

Ist das YRC bzw. die Gruppe 1 für die jungen Menschen ein sicherer Ort?

Für unsere Jugendlichen sind so banale Sachen wie ein eigenes Bett, eine Dusche und regelmäßiges Essen bereits eine Sicherheit, die sie in den Wochen, Monaten und Jahren zuvor oft nicht hatten. Wichtig ist für sie auch Kommunikationsmöglichkeiten zu haben, um mit ihrer Familie in Kontakt zu bleiben. Somit sind sie nicht von ihrer Familie abgeschnitten und müssen sich nicht uns ausgeliefert fühlen. Das trägt für die Jugendlichen erheblich zu ihrem sicheren Ort bei. Mit den Jugendlichen, bei denen keine Sprachbarriere herrscht, lässt sich das weitere Vorgehen relativ gut erklären. Bei den Jugendlichen, bei den keine direkte Kommunikation möglich ist, kann ich mir schon vorstellen, dass sie sich nicht immer sicher fühlen. Man merkt auch, dass die Jugendlichen unterschiedlich mit ihrer Situation umgehen. Manche Jugendliche lassen die Zimmertür immer offen, weil sie uns und dem Haus vertrauen und andere sperren die Tür immer direkt ab. Da vermute ich, dass sie vielleicht schon schlechtere Erfahrungen gemacht haben. Manche Jugendliche lassen alles über sich ergehen, weil sie froh sind Essen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Es ist immer schön zu beobachten, wenn Jugendliche wieder von Tag zu Tag einen besseren Zugang zu sich und ihren Bedürfnissen finden.

Was könnte noch zu einem sicheren Ort für die Jugendlichen beitragen?

Auf jeden Fall mehr in Kommunikation zu gehen. Was zur Zeit leider wegen Covid nicht gewünscht ist. Das würde bei einigen aber zur Beruhigung beitragen. Dass nun endlich Vorhänge in den Zimmern installiert werden, finde ich sehr wichtig und zeigt, dass die Privatsphäre der Jugendlichen geschützt wird, damit nicht von außerhalb reingeschaut werden kann. In solchen Fällen wünsche ich mir, dass die bürokratischen Wege leichter werden.

Erlebst du selbst Partizipation?

Ich denke, so wie es derzeit läuft, ist es schon eine angemessene Partizipation. Wir reden in Teamsitzungen zum Beispiel darüber, welche Jugendlichen schneller verlegt werden müssen und das wird von der Bereichsleitung i.d.R. auch angenommen. Das letzte Wort hat natürlich die Bereichsleitung, aber das ist ja auch okay so. Früher waren wir zur Supervision oder zum Teamtag öfter in der Geschäftsstelle oder die Leitung war bei uns im YRC. So hat man sich öfter gesehen und informell austauschen können. Das ist natürlich derzeit nicht gut möglich und den Pandemie-Maßnahmen geschuldet. Das fehlt mir aktuell aber schon.

Wie viel Partizipation ist für die Jugendlichen in Gruppe 1 im YRC möglich?

Nicht so viel. Ich denke, dass ist in einer Ankommensgruppe wie unserer aber auch okay. Das fängt dann in den nachfolgenden Gruppen 2 und 3 an. Wo wir Partizipation dennoch auch bei uns besser einbinden könnten, wäre der Einkauf. Ich fände es gut, wenn wir den Jugendlichen auch mal individuelles Essen kaufen dürften, wie einen Saft, ein besonderes Obst oder auch mal etwas Süßes. Durch solche Kleinigkeiten würden wir dem Einzelnen besser zeigen, dass er gesehen wird und es trägt auch zur Stärkung des sicheren Ortes bei. Bei der Zimmerwahl ist eine Mitbestimmung meist nicht umsetzbar.

Gibt es noch andere Punkte, die du gerne verbessern möchtest?

Das Thema, das mich immer wieder beschäftigt, ist die Bewegung der Jugendlichen. Das ist für die psychische Stabilisierung der Jugendlichen essenziell. Mit den Jugendlichen Tischtennis spielen oder einfach mal spazieren gehen. Das beschäftigte mich auch schon vor Covid. Da würde ich gerne mehr gehört werden. Ich würde mir wünschen, dass wir uns hier mehr für das seelische Wohl der Jugendlichen einsetzen und mit ihnen öfter raus gehen. Als wir das intensiver gemacht haben, lief es trotzdem, oder erst recht, gut. Da diesbezüglich immer der Infektionsschutzgedanke eine große Rolle spielt, habe ich schon fast das Gefühl, dass ich kriminell bin, wenn ich mit den Jugendlichen Tischtennis spiele oder eine Runde um den Block gehe. Aus meiner Sicht und nach den Einschätzungen, die ich von zuständigen Ärzten bekommen habe, sind diese Freizeitaktivitäten an der frischen Luft mit dem Infektionsschutz vereinbar. Daher würde ich mir hierzu eine offizielle Regeländerung wünschen.

Erleben die Jugendlichen einen transparenten Umgang in der Gruppe 1 und siehst du noch Verbesserungsbedarf?

Bei der Aufnahme erkläre ich – und soweit ich mitbekomme – auch meine Kolleg*innen, den Jugendlichen was nun die nächsten Schritte sind. Ich informiere sie, was das Alterseinschätzungsgespräch ist usw. Das geht bei den Jugendlichen, mit denen die Kommunikation möglich ist, gut. Bei den Anderen leider nicht. Da könnte man sich schon überlegen, ob es vielleicht technische Möglichkeiten gibt z.B. Dolmetscher-Echtzeit-Vermittlungen, ähnlich wie in Kliniken. Eine gute Aufklärung finde ich entweder direkt bei der Aufnahme oder 1-2 Tage danach sinnvoll. Es wäre natürlich schön, wenn wir sogar eine Asylberatung anbieten würden. Aber das ist schwer zu leisten.

Wann fehlt dir Transparenz von der Leitungsseite?

Gerade bei den größeren Entscheidungen und Veränderungen. Bei großen Entscheidungen ist nicht erkennbar, wofür die Leitung, sowohl von Just M als auch auf höherer Ebene, steht und welches Ziel sie verfolgt. Die Beweggründe der Entscheidungen sind oft sehr unklar und daher teilweise nicht nachvollziehbar. Die hohe Stadtpolitik spielt in die Entscheidungen sicherlich oft mit rein, wird dann allerdings nicht bis zu uns weitergegeben. Es scheint ja teilweise sogar unsere Leitung im Unklaren gelassen zu werden. Ich würde mir daher mehr Transparenz wünschen, wer welche Entscheidungen aus welchen Gründen getroffen hat. Dann können wir die Entscheidungen und Konsequenzen daraus besser mittragen.

Wo läuft es mit der Transparenz richtig gut?

Informationen, die den Arbeitsalltag betreffen. Das würde ich vom Gefühl her sagen, läuft sehr gut. Das Personalforum von Just M finde ich zudem sehr hilfreich und interessant, da man dort mitbekommt, was in den anderen Gruppen gerade Thema ist, Hintergrundinformationen bekommt und auch Nachfragen stellen kann. Leider fehlt dieses Forum derzeit, da es pandemiebedingt abgesagt wurde. Auch informelle Treffen, wie die Weihnachtsfeier und das Sommerfest tragen zur Transparenz in einer lockeren Atmosphäre bei. Das finde ich immer sehr schön. Konkret fällt mir auch das Vorgehen mit zwei besonderen Jungen ein, als wir noch in der Wohngruppe Westkreuz gearbeitet haben. Und auch die Auflösung unserer Gruppe und Verlegung unseres Teams ins YRC wurde von der Verbunds- und Bereichsleitung gut gestaltet. In beiden Fällen hatte ich das Gefühl, gut mitgenommen und in die Entscheidungen frühzeitig mit einbezogen worden zu sein. Der rege Austausch mit den Leitungskräften trug erheblich zur Transparenz bei und sorgte so dafür, dass wir trotz der großen Veränderungen das Gefühl eines sicheren Ortes hatten.

Wie erfährst du Wertschätzung in der Arbeit?

Ich finde es ganz schön, wenn die Bereichsleitung zu uns in die Gruppe kommt und einfach mal Kaffee oder Kekse vorbei bringt. Die Wertschätzung hat sich auf jeden Fall verbessert, seit wir das „Highlight der Woche“ eingeführt haben, als festen Bestandteil unserer Teamsitzung direkt zu Beginn. Dabei werden einzelne oder mehrere Personen und Geschehnisse der vergangenen Woche positiv hervorgehoben, die sonst vermutlich untergegangen wären. Letztens wurde uns ein Brief weitergeleitet, in dem das YRC lobend erwähnt wurde. Es hat mich gefreut, davon auch mitzubekommen.

Fehlt dir etwas im wertschätzenden Umgang miteinander?

Ich finde schon, dass mit uns ziemlich wertschätzend umgegangen wird, auch in der Zeit als wir Positiv-Gruppe waren. Ich finde es schön, wenn die Bereichsleitung auch im Alltag einfach mal eine E-Mail schreibt oder sich persönlich bei engagierten Mitarbeiter*innen bedankt oder sie lobt. Prinzipiell finde ich individuelle Wertschätzung deutlich wertvoller, als generalisiertes, flächendeckendes Lob im Sinne von „ihr macht das alle toll“. Die individuelle Wertschätzung, z.B. durch Lob, darf gerne noch mehr werden. Schön fände ich, wenn die Mitarbeiter*innen-Gespräche mehr gefeiert werden würden. Wenn die Gespräche nicht noch schnell am Jahresende dazwischen geschoben werden, sondern diese tolle Gelegenheit für einen gemeinsamen Austausch von allen Seiten gerne wahrgenommen wird.

Wie schätzt du den wertschätzenden Umgang mit den Jugendlichen ein?

Bei den Jugendlichen finde ich schon insgesamt, dass wir wertschätzend über sie sprechen. Verbessert werden könnte die Wertschätzung noch durch mehr Kontakt: öfter ins Zimmer der Jugendlichen zu schauen, nachzufragen, was sie brauchen oder mit ihnen raus zu gehen und Tischtennis im Innenhof zu spielen. Dies ist aktuell, aufgrund der verstärkten Infektionsschutz-Maßnahmen wegen Covid, erheblich eingeschränkt. Die Bedürfnisse der Jugendlichen wahrzunehmen, hat für mich auch etwas Wertschätzendes. Auch zwischendurch mal eine Schokolade oder etwas vom Einkaufen mitbringen, zeigt ihnen, dass ihre Bedürfnisse wichtig sind und Gehör finden.

Handelt dein Team nach dem traumapädagogischen Grundsatz der „Annahme des guten Grundes“?

Wir handeln größtenteils gegenüber den Jugendlichen nach diesem Grundsatz. Viele von unserem Team haben sich ausführlich mit der Traumapädagogik beschäftigt.

Was wünschst du dir in Bezug auf die „Annahme des guten Grundes“?

Von der Bereichsleitung wünsche ich mir, dass jede und jeder zunächst nach ihren oder seinen Beweggründen gefragt wird und keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Auch im Team wünsche ich mir, dass der gute Grund erst mal angenommen wird und die Personen direkt angesprochen werden, bevor sich die Annahme des schlechten Grundes immer weiter vertieft. Ich denke, daran können wir alle noch ein wenig arbeiten.

Gibt es ein Thema, dass dir von den Schulungen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Ja. Das Thema, wie die Arbeitgeberin uns einen sicheren Ort für die Weiterbildung gibt. Wir hatten im YRC unser zweites Modul und keiner wusste Bescheid, in welchem Raum wir sind. Es war nichts vorbereitet und es waren keine Arbeitsmaterialien vorhanden. Erst waren wir im eiskalten Freizeitraum, dann wechselten wir in die Kantine. Dort liefen dann ständig die Hauswirtschafterinnen rein. Das fand ich schon sehr eindrücklich. Für mich symbolisieren solche organisatorischen Gegebenheiten, welchen Stellenwert die traumapädagogische Organisationsentwicklung für die Landeshauptstadt hat. Das erste Treffen im Kolpinghaus fand ich super! Ich war richtig positiv überrascht, wie unsere Arbeitgeberin sich um uns gekümmert hat, dass wir ein tolles Mittagessen bekommen haben und es war schön zu sehen und zu spüren, dass die Arbeitgeberin hier etwas für uns investiert. Das hat auch der Fortbildung an sich richtig gut getan, zusammen zu essen und einen sicheren organisierten Ort vorzufinden. Das fällt mir als erstes ein, wenn ich darüber nachdenke, was bei mir von den Schulungen hängen geblieben ist. Ich hätte es angemessen gefunden, dabei nicht zu sparen.

Hat sich im Team und in der Interaktion mit den Leitungskräften seit der Weiterbildung etwas verändert?

Das finde ich schon. Die Leitung hat schon im Hinterkopf, dass es hier etwas zu verändern gibt, ist teilweise sensibler und sensibilisierter geworden und sucht öfter nach dem guten Grund. Es wird zumindest schon viel davon gesprochen. Jetzt gilt es, das Gelernte noch mehr in die Handlungen einfließen zu lassen. Im Team denke ich schon auch, dass sich was verändert hat und z.B. bessere Kompromisswege bei Regelungen gefunden werden.

Was ist dir aktuell wichtig zu verändern?

Als Team wäre mir wichtig, dass wir noch öfter schauen, was den Jugendlichen gut tut und was wir den Jugendlichen anbieten können. Ansonsten bin ich schon zufrieden, wie wir als Team das alles managen und ich sehe auch positive Entwicklungen bei der Bereichsleitung. Ich fände es gut, nun die Schlüsselprozesse unserer Arbeit aus traumapädagogischen Gesichtspunkten nochmal zu betrachten. Dies wurde mal angefangen und ist wieder versandet.

Wann verspürst du Spaß und Freude in der Arbeit?

Vor allem in der Interaktion mit den Jugendlichen. Das ist leider derzeit, durch die Maske und die möglichst kurzen Begegnungen mit den Jugendlichen, sehr gehemmt. Ich erinnere mich, gerade als es noch wärmer war, wie ich mit den Jugendlichen zusammen im Innenhof Rundlauf an der Tischtennis-Platte gespielt habe. Das führte zu viel Freude bei den Jugendlichen und somit auch bei mir. Genauso beim Billardspielen oder auch, wenn ich einfach zusammen mit den Jugendlichen gegessen habe und mich mit ihnen über ihre Geschichten unterhalten habe. Im Sommer habe ich eine Zeit lang jeden Tag mit den Jugendlichen Tischtennis gespielt. Bei der Begrüßung zu meinem Schichtbeginn vereinbarten wir direkt, wann wir heute Tischtennis spielen. Durch den Spaß der Aktivitäten entstand eine schöne Beziehung zu den Jugendlichen und eine tolle Gruppendynamik. Ich erinnere mich auch an einen Jungen aus Mali, der viel am Fenster saß und dissoziativ aus dem Fenster starrte. Mit ihm war ich zweimal Fußball spielen. Das hat ihm richtig gut getan und er hat beim Fußballspielen wieder Lebensenergie bekommen.

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